© Kordula Kühlem 2019
kordula kühlems krimiseite

Nacht über dem Dom

Eigentlich sieht alles ganz einfach aus: Ein tödlicher Sturz eines Kölner Archäologieprofessors über das Geländer eines Laubengangs mitten in – das mag etwas ungewöhnlich sein – den Kreuzgang der Kirche St. Maria im Kapitol. Doch der Sturz stellt sich als Vergiftung heraus und zu dem einen Mord kommen zwei oder sogar drei weitere. Ein harter Fall für Hauptkommissarin Kerstin Heller. Noch immer ein bisschen fremd in Köln muss sie nun auf eine Spurensuche durch Kölner Kirchen und die Vergangenheit – zusammen mit ihrer urkölschen und so ganz anderen Kollegin Ursula Hohmann. Und auf ihrer Jagd scheint ihnen der Täter immer einen Schritt voraus zu sein…

„Jetzt…

…hören Sie endlich damit auf!« Hier stehe ich in dieser eindrucksvollen Umgebung dieser wenig eindrucksvollen Frau gegenüber und versuche, meine Beherrschung nicht zu verlieren. Das ist mir zugegebenermaßen mit meinem Ausruf nur mäßig geglückt, was ich auf ihrem Gesicht sehr gut ablesen kann, dessen leicht gräuliche Farbe perfekt zum mattgrauen, altmodischen Haarknoten passt.

Ist das usselig -

um eins der Worte zu benutzen, die ich schnell und gern aus dem kölschen Sprachschatz übernommen habe. Da ist einfach alles drin: ungemütlich, unangenehm, unbehaglich, fies, eklig ... Und bei dem momentanen Nieselregen im Dunklen hier am Rhein und für Mitte Oktober ziemlich kalten Temperaturen ist es einfach nur usselig. Selbst der wie immer hell angestrahlte Dom auf der anderen Rheinseite wirkt im Scheinwerferlicht kalt und abweisend…. Etwas missmutig und fröstelnd starre ich in die Wassermassen zu meinen Füßen, die sehr hoch an die Ufertreppe schlagen.

Plötzlich stehe ich…

mitten auf der Salzgasse. Die kenne ja sogar ich, wie wahrscheinlich jeder, der schon mal in der Kölner Altstadt versackt ist. Das hilft mir aber wenig, denn von dem Archäologen ist leider weit und breit nichts zu sehen. Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Fieberhaft überlege ich, wohin er verschwunden sein könnte. Beide Richtungen der Altstadtgasse sind recht gut zu überschauen, er muss irgendwo hineingegangen sein, aber wo? Zögerlich mache ich ein paar Schritte nach links, als mir zur rechten Hand ein schmaler Durchlass zwischen zwei Häusern auffällt. Auf gut Glück biege ich dort ein und stehe unvermittelt erneut in einem Innenhof, den ich in dieser Größe nicht vermutet hätte.

Der Maskierte…

…zieht und entsichert die Waffe erneut, tritt auf Pater Valantios zu und hält ihm die Mündung an die Schläfe. Durch den Körper des Priesters geht ein leichtes Zittern, dann senkt er leicht den Kopf und beginnt leise murmelnd zu beten. Pater Valantios meint das wirklich ernst, beziehungsweise – und das ist noch viel schlimmer – geht er wirklich davon aus, dass unser Unbekannter es ernst meint. Mir wird plötzlich kalt, einfach nur kalt. Hat hier und jetzt tatsächlich mein letztes Stündlein geschlagen? Sollte dann nicht mein Leben an meinem inneren Auge vorbeiziehen? Aber nein, nichts zieht, ich habe nur das Gefühl, innerlich zu erfrieren.

Unsicher…

…schaue ich erst meine Kollegin an, dann lasse ich den Blick über den Friedhof schweifen. Im Frühjahr und Sommer ist es vielleicht wirklich ganz schön hier auf dem Deutzer Friedhof, aber an einem tristen Oktobertag wie heute eher nicht. Wobei die zahlreichen Bäume und Sträucher, die sich im Nebel nur schemenhaft abzeichnen und einige Meter weiter komplett von ihm verschluckt werden, beklemmender wirken als die vielen Kreuze und Grabsteine. Menschen sind gar keine zu sehen. Oder? Ist das ein Schatten hinter dem Busch? Doch je angestrengter ich in die Richtung starre, desto mehr verschwimmen die Umrisse im Dunst.

Den Männern des Totenkopfs…

…sind wir kurz vor der Hindenburg-Brücke begegnet. Vielleicht hätten wir doch unsere Nonnengewänder ablegen sollen. Religiöse Zeichen wirken auf diese gottlosen Streiter immer provozierend. … Ich habe mich wie eine Löwin vor meine Gruppe gestellt, ich habe gebeten und gebettelt, mich selbst angeboten. Aber sie haben sich für Magdalena entschieden. Die ganze Zeit habe ich ihr vom Schreck verzerrtes Gesicht vor Augen und Bilder im Kopf von dem, was diese rohen Menschen mit ihr anstellen. Selbst das Gebet an die Gottesmutter, in deren Haus am Rhein wir uns geflüchtet haben, hat mir keine Ruhe gebracht. Auch nicht der Blick in Gottes ewige Sterne durch das teilweise eingestürzte Dach, denn nur zu bald wurden diese wieder verdunkelt durch die Schatten der Flugzeuge, die erneut ihre tödliche Last auf unsere Stadt abluden.

Mehr zum Nonnentagebuch…

© Kordula Kühlem 2019
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Nacht über dem Dom

Eigentlich sieht alles ganz einfach aus: Ein tödlicher Sturz eines Kölner Archäologieprofessors über das Geländer eines Laubengangs mitten in – das mag etwas ungewöhnlich sein – den Kreuzgang der Kirche St. Maria im Kapitol. Doch der Sturz stellt sich als Vergiftung heraus und zu dem einen Mord kommen zwei oder sogar drei weitere. Ein harter Fall für Hauptkommissarin Kerstin Heller. Noch immer ein bisschen fremd in Köln muss sie nun auf eine Spurensuche durch Kölner Kirchen und die Vergangenheit – zusammen mit ihrer urkölschen und so ganz anderen Kollegin Ursula Hohmann. Und auf ihrer Jagd scheint ihnen der Täter immer einen Schritt voraus zu sein…

„Jetzt…

…hören Sie endlich damit auf!« Hier stehe ich in dieser eindrucksvollen Umgebung dieser wenig eindrucksvollen Frau gegenüber und versuche, meine Beherrschung nicht zu verlieren. Das ist mir zugegebenermaßen mit meinem Ausruf nur mäßig geglückt, was ich auf ihrem Gesicht sehr gut ablesen kann, dessen leicht gräuliche Farbe perfekt zum mattgrauen, altmodischen Haarknoten passt.

Ist das usselig -

um eins der Worte zu benutzen, die ich schnell und gern aus dem kölschen Sprachschatz übernommen habe. Da ist einfach alles drin: ungemütlich, unangenehm, unbehaglich, fies, eklig ... Und bei dem momentanen Nieselregen im Dunklen hier am Rhein und für Mitte Oktober ziemlich kalten Temperaturen ist es einfach nur usselig. Selbst der wie immer hell angestrahlte Dom auf der anderen Rheinseite wirkt im Scheinwerferlicht kalt und abweisend…. Etwas missmutig und fröstelnd starre ich in die Wassermassen zu meinen Füßen, die sehr hoch an die Ufertreppe schlagen.

Der Maskierte…

…zieht und entsichert die Waffe erneut, tritt auf Pater Valantios zu und hält ihm die Mündung an die Schläfe. Durch den Körper des Priesters geht ein leichtes Zittern, dann senkt er leicht den Kopf und beginnt leise murmelnd zu beten. Pater Valantios meint das wirklich ernst, beziehungsweise – und das ist noch viel schlimmer – geht er wirklich davon aus, dass unser Unbekannter es ernst meint. Mir wird plötzlich kalt, einfach nur kalt. Hat hier und jetzt tatsächlich mein letztes Stündlein geschlagen? Sollte dann nicht mein Leben an meinem inneren Auge vorbeiziehen? Aber nein, nichts zieht, ich habe nur das Gefühl, innerlich zu erfrieren.

Den Männern des

Totenkopfs…

…sind wir kurz vor der Hindenburg-Brücke begegnet. Vielleicht hätten wir doch unsere Nonnengewänder ablegen sollen. Religiöse Zeichen wirken auf diese gottlosen Streiter immer provozierend. … Ich habe mich wie eine Löwin vor meine Gruppe gestellt, ich habe gebeten und gebettelt, mich selbst angeboten. Aber sie haben sich für Magdalena entschieden. Die ganze Zeit habe ich ihr vom Schreck verzerrtes Gesicht vor Augen und Bilder im Kopf von dem, was diese rohen Menschen mit ihr anstellen. Selbst das Gebet an die Gottesmutter, in deren Haus am Rhein wir uns geflüchtet haben, hat mir keine Ruhe gebracht. Auch nicht der Blick in Gottes ewige Sterne durch das teilweise eingestürzte Dach, denn nur zu bald wurden diese wieder verdunkelt durch die Schatten der Flugzeuge, die erneut ihre tödliche Last auf unsere Stadt abluden.

Mehr zum Nonnentagebuch…